Krankheit als Weg...

Gesundheit, so sagen wir, sei unser höchstes Gut. Welchen Sinn haben dann Krankheiten in unserem Leben?

Das Verständnis der verschiedenen Krankheitsbilder eröffnet jedem von uns einen neuen, besseren Weg, sich selbst zu finden. Funktionale Abläufe besitzen in sich selbst niemals Sinnhaftigkeit. Der Sinn eines Ereignisses ergibt sich erst aus der Deutung, die uns die Bedeutung erfahrbar werden lässt. So ist zum Beispiel das Steigen einer Quecksilbersäule in einem Glasrohr, isoliert betrachtet, absolut sinnlos; erst wenn wir dieses Geschehen als Ausdruck einer Temperaturveränderung deuten, wird der Vorgang bedeutungsvoll.

Wenn Menschen aufhören, die Ereignisse in dieser Welt und ihren eigenen Schicksalsverlauf zu deuten, versinkt ihr Dasein in die Bedeutungslosigkeit. Einem Kranken fehlt immer etwas, und zwar in seinem Bewusstsein. Würde ihm nichts fehlen, wäre er ja heil, d.h. ganz und vollkommen. Wenn ihm jedoch etwas zum Heil fehlt, dann ist er unheil, krank. Dieses Kranksein zeigt sich im Körper als Symptom. Hat ein Mensch einmal den Unterschied zwischen Krankheit und Symptom begriffen, so ändert sich schlagartig seine Grundhaltung und sein Umgang mit Krankheit. Er betrachtet nicht länger das Symptom als seinen großen Feind, dessen Bekämpfung und Vernichtung sein höchstes Ziel ist, sondern entdeckt im Symptom einen Partner, der ihm helfen kann, das ihm Fehlende zu finden und so das eigentliche Kranksein zu überwinden. Jetzt wird das Symptom zu einer Art Lehrer, der hilft, uns um unsere eigene Entwicklung und Bewusstwerdung zu kümmern, und der auch viele Strenge und Härte zeigen kann, wenn wir dieses unser oberstes Gesetz missachten.

Krankheit kennt nur ein Ziel: uns heil werden zu lassen. Der Weg des Menschen ist der Weg aus dem Unheil zum Heil, aus der Krankheit zur Heilung. Krankheit ist nicht eine versehentliche – und daher unliebsame Störung – auf dem Weg, sondern Krankheit ist selbst der Weg, auf dem der Mensch dem Heil entgegenwandert. Je bewusster wir den Weg betrachten, um so besser kann er seinen Zweck erfüllen. Man will Gesundheit haben und bekämpft Krankheit, man will den Frieden bewahren und deshalb den Krieg abschaffen, man will leben und dafür den Tod überwinden. Es bleibt eindrucksvoll, wie wenig ein paar tausend Jahre erfolgloser Bemühungen den Menschen an seinem Konzept zweifeln lassen. Gerade die Medizin ist dafür ein gutes Beispiel: Indem man immer mehr für Gesundheit tat, wuchs das Kranksein in gleichem Maße mit.

Der Mensch beschäftigt sich am meisten mit dem, was er nicht will. Dabei nähert er sich dem abgelehnten Prinzip so weit an, dass es schließlich selbst lebt. Unser Schatten beinhaltet all das, was der Welt – unserer Welt – zum Heilwerden fehlt. Der Schatten macht uns krank, d. h. unheil, die Begegnung mit dem Schatten heil. Dies ist der Schlüssel zum Verständnis von Krankheit und Heilung. Jetzt werden wir das alte Frage- und Antwortspiel neu verstehen: „Was fehlt ihnen?“ und: „Ich habe dieses Symptom.“ Das Symptom zeigt in der Tat, was dem Erkrankten fehlt. Kein Wunder, das wir unsere Symptome so wenig mögen, und so setzen wir unseren Kampf gegen die Symptome fort, ohne die gebotene Chance zu nutzen, das Symptom zum Heilwerden zu benutzen.
Der Schatten macht den Menschen unehrlich. Alle Betrügereien dieser Welt sind harmlos, gemessen an dem, was der Mensch sich selbst ein Leben lang vorlügt. Ehrlichkeit gegenüber sich selbst gehört zu den härtesten Forderungen, die man stellen kann. Doch für den, der um mehr Eigenehrlichkeit bemüht ist, kann Krankheit zu einem großartigen Hilfsmittel auf seinem Weg sein.


Krankheit macht ehrlich...

Im Krankheitssymptom lesen wir deutlich und sichtbar, was wir in unserer Psyche wegdrängen und verbergen wollen. Die meisten Menschen haben Schwierigkeiten, über ihre tiefsten Probleme - falls sie sie überhaupt kennen - frei und öffentlich zu reden, doch ihre Symptome erzählen die Menschen ausführlich jedem. Genauer und exakter kann ein Mensch nicht über sich Auskunft geben. Krankheit macht ehrlich und entlarvt schonungslos die verborgen gehaltenen Ansprüche der Seele, denn im Kranksein wird der Mensch echt.

Gebote, Gesetze und Moral geleiten den Menschen nicht bis ans Ziel der Vollkommenheit. Gehorsam ist gut, aber er genügt nicht, denn wisse, „auch der Teufel gehorcht". Das innere Gesetz eines jeden Menschen ist die Verpflichtung, sein wahres Zentrum, sein Selbst zu finden, d. h. eins zu werden mit allem, was ist. Das Instrument der Gegensatzvereinigung heißt Liebe. Liebe ist ein Ja-sagen ohne Einschränkung und Bedingung. Solange Liebe noch auswählt, ist sie keine wirkliche Liebe, denn Liebe trennt nicht, Auswahl aber trennt. Liebe kennt keine Eifersucht, denn sie will nicht besitzen, sie will sich verströmen. Der Mensch ist krank, da ihm die Einheit fehlt.

Den gesunden Menschen, dem nichts fehlt, gibt es allein in den Anatomiebüchern der Medizin. Im lebendigen Zustand ist ein solches Exemplar unbekannt. Es mag Menschen geben, die über Jahrzehnte keine besonders auffälligen oder schweren Symptome entwickeln, doch ändert dies nichts an der Feststellung, dass auch sie krank und sterblich sind.

Edgar Hein sagt in einem Buch „Krankheit als Krise und Chance“: „Ein Erwachsener macht in fünfundzwanzig Jahren seines Lebens durchschnittlich eine lebensbedrohliche, zwanzig ernsthafte und etwa zweihundert mittelschwere Erkrankungen durch.“ Wir sollten uns von der Illusion lösen, man könne Krankheiten vermeiden oder aus der Welt schaffen. Kranksein gehört zur Gesundheit, so wie der Tod zum Leben. Solche Worte sind unbequem, haben aber den Vorteil, dass jeder deren Richtigkeit durch ein wenig unvoreingenommene Beobachtung selbst wahrnehmen kann. Das Leben ist nun mal der Weg der Enttäuschungen, dem Menschen wird solange eine Täuschung nach der anderen entzogen, bis er die Wahrheit ertragen kann. So wird derjenige, der es wagt und erträgt, Krankheit und Tod als unvermeidbare Begleiter seines Daseins zu erkennen, bald erleben, dass diese Erkenntnis keineswegs in der Hoffnungslosigkeit endet.

Die Krankheit macht den Menschen heilbar. Krankheit ist der Wendepunkt, an dem das Unheil sich in Heil wandeln lässt. Damit dies geschehen kann, muss der Mensch seinen Kampf einstellen und stattdessen hören und sehen lernen, was die Krankheit ihm zu sagen hat. Der Betroffene muss in sich hineinlauschen und in Kommunikation mit seinen Symptomen gehen, will er deren Botschaft erfahren. Krankheit ist immer eine Krise und jede Krise will Entwicklung. Jeder Versuch, den Stand vor einer Erkrankung wieder zu erreichen, ist naiv und dumm. Krankheit will weiterführen zu neuen, unbekannten und ungelebten Ufern. Erst wenn wir diesem Aufruf bewusst und freiwillig folgen, verleihen wir der Krise Sinnhaftigkeit.

Es ist richtig, Konflikte tun immer weh, egal auf welcher Ebene wir sie erleben, sei es Krieg, innerer Widerstreit, Krankheit, schön sind sie nie. Doch das Schön und Nichtschön ist keine Ebene, auf der wir argumentieren dürfen, denn wenn wir uns eingestehen, dass wir nichts vermeiden können, stellt sich diese Frage gar nicht.

Wer sich eben nicht erlaubt, psychisch zu explodieren, bei dem explodiert es im Körper (Abseß). Kann man da noch die Frage nach schöner oder besser stellen?

Wir alle argumentieren wie die Krebszelle. Unser Wachstum gedeiht so schnell, dass auch wir mit der Versorgung kaum noch nachkommen. Unsere Kommunikationssysteme sind weltweit ausgebaut, doch die Kommunikation mit unserem Nachbarn oder Partner will uns immer noch nicht gelingen. Der Mensch hat Freizeit, ohne etwas damit anfangen zu können. Wir produzieren und vernichten Nahrungsmittel, um damit Preise zu manipulieren. Wir können bequem die ganze Welt bereisen, aber kennen uns selbst nicht. Die Philosophie unserer Zeit kennt kein anderes Ziel als Wachstum und Fortschritt. Man arbeitet, experimentiert, forscht – warum? Um des Fortschritts willen! Die Menschheit ist auf einem Trip ohne Ziel. Sie muss sich deshalb immer neue Ziele setzen, um nicht zu verzweifeln.

Trotz aller Anstrengungen der Weltverbesserer wird es niemals eine heile Welt geben ohne Konflikte und Probleme, ohne Reibung und Auseinandersetzung. Niemals wird es den gesunden Menschen geben ohne Krankheit und Tod, niemals allumfassende Liebe, denn die Welt der Formen lebt von den Grenzen. Symbol der wahren Liebe ist das Herz.

Das Herz ist das einzige Organ, das vom Krebs nicht befallen werden kann.

Krankheit ist der persönliche Lehrer und Führer auf dem Wege zum Heil. Es werden verschiedene Wege zu diesem Ziel angeboten, meist schwierige und komplizierte, doch der naheliegendste und individuellste wird meist achtlos übersehen: die Krankheit. Dieser Weg ist am wenigsten anfällig für Selbsttäuschungen. Deshalb ist er auch so unbeliebt. Wer jedoch Krankheit als Weg begreifen lernt, dem wird sich eine Welt von neuen Einsichten erschließen.

Alle Überlegungen sollten nicht als Rezepte mißinterpretiert werden. Es geht nicht um die Frage, „ob man sich impfen lassen darf oder nicht“ oder „ob man niemals Antibiotika verwenden darf“.

Es ist letztlich völlig gleichgültig, was man tut, solange man weiß, was man tut!

Bewusstsein heißt unser Anliegen, nicht fertige Ge- oder Verbote.



Gesundheit als geistliche Aufgabe...

Nach unserem christlichen Verständnis sind Wert und Würde des Menschen unabhängig von Leistung, Alter oder Gesundheitszustand. Eine Gesellschaft, die Leid, Schmerz, Krankheit und Behinderung aus ihrem Bewusstsein verdrängt, verliert einen Teil ihrer Menschlichkeit.

Die Freundschaft zu einem Mitmenschen beginnt dort, wo man bereit ist, kleine Opfer zu bringen und jede gute Tat wird den Kreis unserer Freunde größer werden lassen.

Wir leben mit dem Zweck, anderen zu helfen und auf unsere schöne Art und Weise unsere Freundschaft zu fördern. „Nicht die körperliche Fitness ist für einen Menschen das Entscheidende, sondern vielmehr der Wille zu leben und zu handeln“. Diesen Satz sagte einmal der iranische Rollstuhlfahrer Hossein Nik Zaban. Er sagte weiter: „Der Mensch muss durchaus in der Lage sein, Verständnis und Rücksichtnahme gegenüber seinen behinderten Mitmenschen zu zeigen. Manche aber lassen sich entmutigen, geben auf, werfen zu schnell die Flinte ins Korn. Manche sind nicht bereit, wirklich zu kämpfen, eine innere Kraft aufzubauen".

Ich bin der Überzeugung, dass dies auch eine Glaubensprüfung ist, die durchzustehen ist, die einem den Charakter stärkt und hilft, äußerst wertvolle Charaktereigenschaften zu entwickeln.
„Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, die geben uns den Halt im Leben.“

Menschen spüren, wenn man sie liebt und sie werden immer wieder mit Liebe, Entgegenkommen und Verständnis reagieren. Das ist letztlich die Grundlage aller Freundschaft. Das ist, was die Menschen verbindet und zusammenhält.

Was mich an vielen behinderten und kranken Mitmenschen sehr beeindruckt ist der GLAUBE. Was ist der Glaube?

Glaube ist eine Art innerer Gewissheit.
Glaube heißt, eine positive, konstruktive Geisteshaltung einzunehmen, verbunden mit dem Gefühl des Vertrauens.

Glücksgefühle kommen vom Herzen. Etwas für einen Menschen zu tun, ihm zu helfen und dabei nicht an einen möglichen Lohn oder Verdienst für eine solche gute Tat zu denken, das ist das wahre Glücksgefühl.

Nur eine solche lebensbejahende Einstellung ermutigt mich heute, jeden Tag aufs Neue den Blick nach vorne zu richten und auch kleinere Rückschläge wegstecken zu können.

Keiner in unserer Gesellschaft ist sicher, plötzlich – beispielsweise durch einen Unfall oder durch Krankheit – dazu verurteilt zu sein, auf der Schattenseite des Lebens zu stehen.

Probleme wird es immer geben, aber mit dem GLAUBEN an GOTT wird man in die Lage versetzt, diese Probleme und Schwierigkeiten zu meistern.

Probleme sucht man nicht, die kommen auf uns zu.
Sie bringen uns Konflikte, sie nehmen uns die Ruh´.
Bewahrt man die Geduld, oft lassen sie sich lösen,
erzwingen kann man nichts, weder im Guten noch im Bösen.
Dieses Gedicht stammt von einer Frau, die seit über 40 Jahren an Multiple Sklerose erkrankt ist, fast ein Leben lang.

Behinderte können meist die Mauer durchbrechen, die die Gesunden aus eigenen Ängsten um sich herum aufgebaut haben, hinter der sie sich verstecken in ihrem Streben nach mehr Anerkennung, nach mehr Macht, mehr Erfolg, mehr Geld, den fragwürdigen Zielen, die heute unsere Welt immer nachhaltiger zerstören.

Durch eine bloße Anwesenheit, durch die geheimnisvolle Andersartigkeit seines Wesens kann der Behinderte und Kranke ein Zeichen dafür sein, dass Frieden und Freude nicht allein durch Arbeit und Erfolg erworben werden, weder von Reichtum noch von Macht abhängig sind, sondern aus den Kräften des Herzens erwachsen.

Die Existenz von kranken und behinderten Mitmenschen erinnert beständig daran, dass Schmerz und Leid allen zugedacht und zugeordnet sind, dass ihre Bewältigung eines Tages zu unser aller Schicksal gehört.

Unter Behindertenarbeit verstehe ich den Weg des Gebens und Nehmens, bei dem die Anteilnahme am Mitmenschen genauso groß ist wie das Interesse für die eigenen Belange. Es ist ein Weg der Zusammenarbeit, des Helfens und Teilens.

Eine schwerkranke Frau erzählte mir vor einigen Jahren: „ Als ich erfuhr, das ich an Multiple Sklerose erkrankt bin, brach ich körperlich und seelisch völlig zusammen. Es trat eine tiefe Nervenkrise ein, aus der ich keinen Ausweg mehr sah. So jung und schon im Rollstuhl. Ich verspürte nur mehr den einen Wunsch, aus dem mir sinnlos und unnütz erscheinenden Leben zu gehen. Zum ersten Mal befiel mich Mutlosigkeit. Es gibt viele Arten, sich Mut zu machen, z. B. durch Alkohol oder Tabletten. Woher nahm ich die Kraft? Ich schöpfte diese Kraft aus dem Glauben. Ich hatte das Glück, in einem guten Elternhaus aufzuwachsen und der Grundstein zu einer christlichen Lebenseinstellung, der dort gelegt wurde, gibt mir heute noch den Mut, Ja zum Leben zu sagen“. Den Sinn unseres Daseins sehe ich darin, die Fähigkeiten, die uns gegeben sind, voll auszuschöpfen, damit wir am Ende mit dem Hl. Paulus sagen können: „Ich habe den guten Kampf gekämpft".

Ulrich Schaffer schreibt: „Den Weg, den du vor dir hast, kennt keiner.
Nie ist ihn einer so gegangen, wie du ihn gehen wirst.
Es ist dein Weg. – Unauswechselbar. Du kannst dir Rat holen,
aber entscheiden musst du selbst.
Hör auf die Stimme deines inneren Lehrers.
Gott hat dich nicht allein gelassen.
Er redet in deinen Gedanken zu dir.
Vertraue ihm und dir.
Es geht nicht darum perfekt zu sein.
Sondern unterwegs zu bleiben".

Ungeahnte Lebenskräfte können frei werden, wo ein Mensch die innere Berechtigung in Anspruch nimmt, der zu sein, der er ist, und der zu werden, der er sein kann.

Erst dann liegt das Leben mit all seinen Möglichkeiten und Chancen vor ihm wie ein offener Raum, wie ein weites Land, das ihm gehört und das darauf wartet, von ihm in Besitz genommen zu werden.

Ich verstehe heute den Unterschied zwischen jung und schön, gesund und leistungsfähig oder auch krank zu sein. Deshalb glaube ich, bin ich den kranken und behinderten Menschen ein Stück näher.

Ich stelle mir oft eine Welt vor, in der die Liebe mehr Platz hat, in der die Hoffnung nicht aufhört und der Friede die ganz tiefe Sehnsucht aller Menschen ist. Deshalb setze ich mich auch für das ein, an das ich glaube.

Ich höre auf die Stimme meines inneren Lehrers. Gott hat mich bis heute in meinen Krankheitsphasen nie allein gelassen.

Er spricht in meinen Gedanken zu mir.